Immer wieder begegnet mir in letzter Zeit in den sozialen Netzwerken der spirituellen Szene dieser Slogan, „Ich bin nicht nur Licht und Liebe“ u.a. unter dem Bild eines Kindes, das mit beiden Händen die Stinkefinger nach vorne zeigt. Es ist in der Tat eine Gefahr für Menschen auf dem Yogaweg, bei ihren ersten Glückserlebnissen stehenzubleiben, sich ausschließlich für Licht und Liebe zu halten und ihre Schatten zu vergessen, die in Wirklichkeit noch in der Tiefe schlummern.
Wenn wir unsere Schatten, unsere dunklen Aspekte, unsere Wut, Angst, Eifersucht, Hass, Gelüste usw. unterdrücken und uns für heilige Friedensbringer halten, laufen wir Gefahr, ein nicht authentisches, unehrliches Leben zu führen. Das kann bei der Asana-Praxis der Fall sein, beim Mantrasingen, bei geführten Meditationen oder bei der vegetarischen oder veganen Ernährung – und erst recht beim Unterrichten von all dem.
Authentische Spiritualität bedeutet aber, gerade in die dunklen Tiefen vorzustoßen und den großen inneren Dämonen zu begegnen. Auf dem Campingplatz auf Sylt sitzen Nicole und ich gerade beim Frühstück und wir diskutieren über Authentizität und ehrliche Spiritualität. Nicole verweist mich auf die Runenreihe, eine mindestens 2000 Jahre alte Reihe germanischer Schrift – und Zauberzeichen, die in einer bestimmten Reihenfolge stehen. Diese Reihenfolge bildet die Heldenreise des Menschen ab, ein universeller Weg des spirituellen Wachstums, der in allen alten Mythen der Welt zu finden ist.
Sie stellt den Lebensweg des Menschen vom Auszug ins Abenteuer bis zum Ankommen in seiner Ganzheit, seiner ganzen Fülle dar. Ganz am Anfang erkennt sich der Mensch als von den Göttern geführt, erkennt seine Gabe, sein inneres Licht, dann taucht in der Runenreihe Wunjo auf, die reine Freude. Doch damit ist der Weg keinesfalls beendet. Denn erst jetzt kommen die eigentlichen großen Herausforderungen, die den Menschen hinab in die Unterwelt führen. Dorthin, wo der Wald am dunkelsten ist und die größten Gegenspieler auf dich warten. Ich muss mich also auch meinen dunklen Seiten stellen und ihnen mitten ins Gesicht schauen. Gerade dann, wenn ich dazu bereit bin und das wirklich tue, kann ich wirklich wachsen und meinen Geist befreien.
Im Gegensatz zu Asana und Mantrasingen komme ich in den folgenden Yogadisziplin an der Hölle nicht vorbei: im Pranayama, der Atemarbeit, und in der stillen Meditation. Hier bin ich ohne körperliche, akustische oder visuelle Ablenkung meiner inneren Unterwelt ausgeliefert und muss hindurch wie ein Frachter durch die stürmische See.
Deshalb praktiziere ich täglich Meditation und Pranayama und unterrichte keine Yogastunde ohne Atemübungen und Meditation. Und deshalb habe ich mich in der letzten Woche zum Lehrer für fortgeschrittenes Pranayama ausbilden lassen. Weil wir bei Unity Training die Ganzheit wollen, weil der Weg des Yoga durch das Licht und den Schatten, an der Sonne und der Dunkelheit vorbeiführt. Am Ende steht dann vielleicht etwas, das sich nach Authentizität und Ganzheit anfühlen kann.
Zu den Runen hat Nicole gerade eine halbjährige Ausbildung abgeschlossen und ist total begeistert. Sie plant für das nächste Jahr, dazu einen ganzen Kurs anzubieten.
(Ausbildungen zu den Themen Meditation und Pranayama finden bei Unity-Training 1-2 mal in Jahr statt.)
In Licht und Liebe, Florian und Nicole