Ein Kind werden

Ein Kind werden

Einen Gedanken haben Jesus und mein liebster Philosoph Nietzsche, der größte Verachter des Christentums, gemeinsam: Für beide sind Kinder die größten Vorbilder. Nietzsche nennt in seinem Zaratustra den Schritt zum Übermenschen, zum völlig freien selbstbestimmten Menschen, die Verwandlung hin zum Kinde. Bei Jesus heißt es: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Oft, wenn ich meine kleine acht Monate alte Tochter Marlene betrachte, muss ich an Nietzsches Bild oder an den wunderbaren Vergleich aus dem Markusevangelium denken. Auch jetzt wieder. Ich sitze in meinem Lieblingscafé am Kölner Eigelsteintor und betrachte sie, während sie im Kinderwagen schläft. Was ist es, das das Himmlische an den Kindern ausmacht? Was können wir von den Kindern lernen? Das wilde Geruckel im Kinderwagen ist wahrscheinlich ebensowenig gemeint wie das ständige Aufwachen in der Nacht. Aber es gibt vieles, was ich von meiner Tochter lernen möchte.

Erstens: die grundlose Heiterkeit. Oft wenn ich mit ihr unterwegs bin, nehme ich wahr, wie Menschen, die griesgrämig schauen und in Gedanken und Sorgen versunken sind, in das lachende Gesicht meiner Tochter schauen, und sofort verändert sich ihr Ausdruck. Sie nehmen ihr Lachen oder Lächeln an und lachen zurück. Ein Kind kann in seiner unschuldigen Heiterkeit die gesamte Umgebung um sich herum verwandeln. Laut wissenschaftlichen Untersuchungen lachen Kinder etwa 400 mal am Tag. Und wie Erwachsenen? Grade einmal 15 mal am Tag im Durchschnitt. Viel zu wenig! Dabei ist ein einziges herzliches Lachen so gesund wie 20 Minuten zu joggen. Wie wunderbar wäre es, wenn wir auch imstande wären, so oft, so unbefangen und so befreit zu lachen wie ein Kind. Ohne Angst und ohne Gedanken allen Menschen lachend begegnen mit dem Bewusstsein: Hallo, hier bin ich. Schön, dass du da bist. Ich bin gut so, wie ich bin und du bist gut so, wie du bist. Lässt es uns üben!

Das zweite, was ein Erwachsener von einem Kind lernen kann, ist die Freiheit von urteilender Haltung. Marlene urteilt nicht. Niemals. Sie freut sich über das, was ihr gefällt, und ärgert sich über das, was ihr nicht gefällt. Aber sie fällt über nichts in der Welt ein Urteil. Sie begegnet (fast) jedem Menschen und jedem Gegenstand mit einer Haltung des Staunens. Alles ist interessant, alles ist groß, alles ist wie ein Wunder. Das ganze Leben ist ein einziges Mysterium. Was für eine schöne Haltung, wie gesund und wie beglückend.

Jeder Stein ist Wunder, jede Pappschachtel ein Spielzeug. Jede Blume ist ein Ereignis und jede Hand ist ein Freund.

Das dritte, was wir von den Kindern lernen können, ist das totale Grundvertrauen in die Welt. Jeden Tag kann ich das an Marlene beobachten. Sie vertraut ihrer nächsten Umgebung und sagt voll und ganz Ja zu der Situation, in die sie hineingeworfen wurde: unsere Familie, Nicole, mir und ihrem Bruder Lewin. Jeder ist für sie da und niemals ist sie alleine. Aber so wie sie uns vertraut, so vertraut sie (fast) jedem Menschen, dem sie begegnet.  Wie wunderbar wäre es, wenn ich mit dieser Haltung jeder Situation begegnen könnte. Mit dem Wissen, ich kann loslassen und darf mich fallenlassen, ich werde aufgefangen und das Leben selbst wird mich finden und mich trösten und mich an seine Brust nehmen. Es gibt tatsächlich in einer Grundhaltung des lachenden Staunens keinen Grund zur Sorge und keinen Anlass zur Angst. Denn in diesem Bewusstsein bin ich überall und in jedem Moment mit dem Leben selbst in Fühlung und in wunderbarer Einheit.

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