Das eigentliche, wirkliche Leben

Das eigentliche, wirkliche Leben

Mit 27 Jahren, am Unabhängigkeitstag, dem 04. Juli 1845, verlässt Henry David Thoreau seine Heimatstadt Concord und zieht in eine selbstgebaute Hütte am Waldensee, wenige Kilometer von Concord entfernt. Dort will er sich dem Leben ausliefern, sich einer radikalen Selbsterfahrung stellen, und, wenn möglich, sein gesamtes Dasein neu formulieren und Grundsätze einer authentischen Lebensweise finden. Nach dem Waldaufenthalt, der zwei Jahre und zwei Monate dauerte, schrieb er dazu:

„Ich zog in die Wälder, weil ich bewusst leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben nähertreten wollte und zusehen wollte, ob ich das nicht lernen konnte, was es mich zu lehren hatte, um nicht auf dem Sterbebett einsehen zu müssen, dass ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was kein Leben war, denn das Leben ist so kostbar; noch wollte ich Entsagen üben, wenn es nicht unumgänglich nötig war. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen und so standhaft und spartanisch leben, um alles, was nicht Leben war, davonzujagen“ (Walden, S. 98).

Du glaubst, du wirst geboren und stirbst irgendwann? Wie langweilig. Warum nicht während des Lebens ein zweites Mal geboren werden? Geboren werden hin zum eigentlichen, wirklichen Leben. In vielen verschiedenen Kulturen wird von der Möglichkeit einer zweiten Geburt während des Lebens berichtet. So wird im Hinduismus etwa ein Brahmane, also ein Angehöriger der Priesterkaste, auch als Dvidscha, als Zweimalgeborener, bezeichnet. Der Zeitpunkt der zweiten Geburt ist im Regelfall die Einweihung in das Studium der vedischen Schriften, insbesondere der Upanishaden, in denen die Einheit des Individuums mit Brahman, dem Weltgeist, beschrieben wird. Der Neugeborene erhält zu diesem Zeitpunkt, oft bereits im Alter von 14 Jahren, eine heilige Schnur, die er um den Körper herum trägt und die von der rechten Schulter zur linken Hüfte hängt, auf der nackten Haut. Sie ist das äußere Symbol für das neue Leben. Die zweite Geburt ist die Erkenntnis der Schülers, nicht nur ein körperliches Produkt von Vater und Mutter zu sein, sondern auch eine ewige, geistige Identität zu besitzen, die ganz unabhängig von der körperlichen Existenz besteht.

Es derselbe Moment, der im Buddhismus das Erwachen der Buddha-Natur genannt wird. In den Evangelien erklärt Jesus seinen Schülern, sie müssten ein zweites Mal geboren werden, und zwar aus dem Geist.

Viele Menschen berichten, dass der Moment, in dem sie ihre geistige Existenz erkennen, also ihr inneres Wesen als real existente Freude in sich fühlen, sich anfühlt, als seien sie noch einmal neu geboren worden. Es ist der Moment, in dem ich zum ersten mal wahrnehme, dass ich nicht identisch bin mit dem reaktiven Verstand, sondern unabhängig vom Denken existiere. Es ist der Moment, in dem die innere Quelle des Lebens zu fließen beginnt.

Viele spirituelle Traditionen lehren, dass eine Voraussetzung für die zweite Geburt eine Art von Tod sei, den der Schüler während des Lebens zu erfahren habe. Bevor wir aus dem Geist geboren werden können, müssen wir zuerst geistig sterben.

In Karats  Lied “Über sieben Brücken” muss der Mensch zuerst “sieben mal die Asche sein”, bevor er “aber einmal auch der helle Schein” ist. Das Motiv des Phönix, dem Vogel aus der ägyptischen Mythologie, der aus der Asche aufersteht und sich immer wieder neue regeneriert, wurde in der griechischen Philosophie zu einem Symbol der Unsterblichkeit und meint dieselbe Sache.

Gemeint ist mit diesem Motiv des Todes während des Lebens nichts anderes als die Auflösung der Identifikation mit dem denkenden Verstand bzw. mit äußeren Attributen. Der Moment, in dem du erkennst, dass du nicht dein Denken bist und auch nicht das, was du bisher als Attribute dir selbst zur Identifikation zugerechnet hattest (wie etwa Helene Müller, Bankkauffrau, Mutter von zwei Kindern, Gewicht 70kg, Größe 1,68) ist ein so umwerfendes Erlebnis, dass es mit Recht als Tod und mit Recht im selben Maße auch als Neugeburt bezeichnet werden kann. Denn in dem Moment, da die äußeren Identifikationen zur Bestimmung dessen, was ich bin, wegfallen, öffnet sich eine völlig neue Identifikation, die Identifikation mit der Quelle des eigentlichen, wirklichen Lebens, die in mir und durch mich hindurch fließt.

Kennst du diese Sehnsucht nach dem eigentlichen, wirklichen Leben? Kannst du dir vorstellen, dass das eigentliche, wirkliche Leben in diesem Moment hier und jetzt in dir da ist? Wie wäre es, wenn jedes Gefühl von Trennung vom eigentlichen, wirklichen Leben nur ein Nebel wäre, der durch eine neue Art zu leben, täglich mehr und mehr gelichtet werden kann? Wir behaupten: Durch die Praxis der Achtsamkeit ist es tatsächlich möglich, diesen Nebel zu lichten und dem eigentlichen, wirklichen Leben mehr und mehr zu begegnen. Hierzu müssen wir nicht einmal in den Wald ziehen. Wir können es jeden Tag hier und jetzt im Alltag praktizieren. Und es macht richtig viel Spaß!

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.