Selbstliebe – aus der Trance ins Glück

Valentinstag. Für die einen ein Grund ihre/n Liebste/n zu beschenken, für die anderen eine Erfindung der Blumenläden und Grußkartenindustrie. Doch wie wäre eine andere Interpretation des Tags der Liebe? Machen wir daraus einen Tag der Selbstliebe. Vor gut 2000 Jahren sagte jemand: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst! In der Botschaft steckt mehr als die Aufforderung deinem Umfeld mit Liebe zu begegnen. Sie beinhaltet ebenso die Bedingung der Selbstliebe. Aber was ist eigentlich Selbstliebe?

Wir kennen alle den inneren Kritiker, der uns daran erinnert, dass wir wieder mal nicht genug oder alles verkehrt gemacht haben. Den inneren Richter, der viel zu oft Verurteilungen gegen uns ausspricht.

Das Gefühl von Mangelhaftigkeit und Unzulänglichkeit, dass mit uns etwas nicht stimmt, kann zu Entfremdung führen, zu Stimmungsschwankungen oder Depressionen. Und dann glauben wir auch noch, an unserer Depression und unserer Einsamkeit selbst schuld zu sein und verurteilen uns noch mehr. Wir bemühen uns ohne Unterlass, ein besserer Mensch zu sein, keine Fehler zu machen, immer noch mehr zu erreichen. Der Vergleich mit den Leistungen anderer zeigt uns ständig, wie wenig wir selbst wert sind und, dass wir uns beim nächsten Mal noch mehr anstrengen müssen. In ihrem Buch Mit dem Herzen eines Buddha  nennt Tara Brach diese Abwärtsspirale der Selbstverurteilungen die „Trance des geringen Selbstwertgefühls“.

Woher kommt dieses Gefühl des Nicht-Genügens?

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der alles nach Schneller, Höher, Weiter und Immer-noch-besser bemessen wird. Das Problem geht aber weiter zurück als die Schwierigkeiten des modernen Kapitalismus. In der christlich geprägten Kultur beruht der Entstehungsmythos der Menschheit auf der Idee der Erbsünde. Weil wir fehlerhaft und schwach sind, Mangelware ohne Retourenschein, sind wir – uns aus Scham mit Blättern bedeckend – aus dem Paradies gejagt worden. Seitdem ist es unsere Hauptaufgabe, unsere Fehlerhaftigkeit zu sühnen. Dieses Grundmuster ist tief in die Psyche des Westens eingegraben.

Die Auswirkungen eines solchen Basis-Gedankens werden deutlich, wenn wir eine andere Grundidee dagegenstellen:  Stellen wir uns vor, wir wären in einer Kultur aufgewachsen, die nicht davon ausgeht, dass wir von Natur aus schlecht und fehlerhaft sind. Wie anders würde es sich anfühlen, wenn wir mit dem Grundgedanken erzogen würden: Jeder hat eine Buddha-Natur. Und deine Aufgabe im Leben ist es diese frei zu legen!?

Wie lösen wir uns aus dieser Trance des geringen Selbstwertgefühls?

Zum Thema Selbstliebe gibt es zahllose Bücher und Definitionen. So unterschiedlich die Ansätze sein mögen, finden sich doch zahlreiche Parallelen, da viele Ideen auf buddhistische Lehren und Methoden aufbauen. Kristin Neff spricht von Self-compassion bzw. Selbstmitgefühl. Tara Brach nennt ihre Methode Radikale Akzeptanz, Veit Lindau radikale Selbstliebe.

Den beiden letztgenannten Begriffen ist das Wort radikal gemein. Von lateinisch radix = Wurzel, heißt das, dass wir mit unserer Selbstakzeptanz und –liebe bis tief zu unserer innersten Essenz greifen und uns auf die Quelle unseres Wesens besinnen. Zweitens bezieht sich radikal auch auf seine andere Wortbedeutung: bedingungslos. Bedingungslose Akzeptanz und Selbstliebe bis hinunter zur Wurzel unseres Selbst.

Dabei heißt radikale Akzeptanz nicht Resignation oder das Gutheißen von destruktivem Verhalten. Selbstliebe bedeutet auch nicht, dass man sich selbst ununterbrochen großartig findet. Radikale Akzeptanz ist das Wahrnehmen und liebevolle Annehmen des eigenen Lebens, so wie es ist: sich selbst zu erfahren und mit offenem, freundlichen Blick zu erkennen, was in unserem Inneren vor sich geht. Dabei müssen wir konsequent dem Impuls widerstehen, die Erfahrung verändern zu wollen und sogenannte „negative“ Gefühle wegzuschieben. Ihre Ablehnung gibt diesen Gefühlen nur mehr Macht über uns und führt zu Gefühlen der Isolation. Wut, Angst und Schmerz werden daher ebenso in die Wahrnehmung mit einbezogen, wie der Wunsch, den Schmerz loswerden zu wollen.

Der erste Aspekt der Selbstliebe ist also Achtsamkeit uns selbst gegenüber: Mich und meine jetzigen Erfahrungen in ihrer Gesamtheit wahrzunehmen und zärtlich und verständnisvoll anzunehmen. Der zweite Aspekt ist das Mitgefühl. So wie wir einem guten Freund oder auch einem Unbekannten Mitgefühl entgegen bringen, können wir lernen, auch uns selbst mitfühlend zu behandeln. Wenn wir uns darauf besinnen, dass wir alle „nur“ Menschen sind, erkennen wir, dass unser Mensch-Sein, unsere Verletzlichkeit und Unvollkommenheit mit einschließt und wir können uns mit Wohlwollen und Zärtlichkeit begegnen. Wenn wir unsere Unvollkommenheit als Teil unserer Ganzheit liebevoll akzeptieren, können wir aus dem Selbstoptimierungswahn ausbrechen, das Leben annehmen, wie es ist und uns dabei bedingungslose Freundlichkeit erweisen.

Vielleicht möchtest du den Valentinstag als Anlass nehmen, dir an diesem Tag mit der gleichen Wertschätzung, Akzeptanz und Liebe zu begegnen, wie du sie einem guten Freund oder einer guten Freundin entgegen bringen würdest. Und wenn das klappt, nimm doch diese freundlichere Haltung dir selbst gegenüber mit in deinen weiteren Alltag!

 

Literatur:

Brach, Tara: Mit dem Herzen eines Buddha. Heilende Wege zu Selbstakzeptanz und Lebensfreude, Knaur Verlag, München, Vollst. Neuausg. 2013

Lindau, Veit: Heirate dich selbst. Wie radikale Selbstliebe unser Leben revolutioniert, Kailash Verlag, München, 8. Aufl. 2013

Neff, Kristin: Selbstmitgefühl. Wie wir uns mit unseren Schwächen versöhnen und uns selbst der beste Freund werden, Kailash Verlag, München, 7. Aufl. 2012