Ja, wir brauchen Weihnachten! Aber wozu genau?

Wofür brauchen wir noch Weihnachten? Brauchen wir es wirklich noch? Vorab: Ja, wir brauchen es. Es ist ein großartiges Fest. Ein Fest der Freude, des Lichts und der bedingungslosen Liebe von Mensch zu Mensch. Aber wir sollten schon auch die Fakten der Wissenschaft kennen: Jesus ist nicht in Bethlehem geboren, auch nicht in einem Stall. Er wurde nicht im Jahr 0 geboren und auch nicht am 25.12. Er war nicht der Sohn Davids und kein Messias. Er wurde nicht von einer Jungfrau geboren und war kein König der Juden. Er ist kein Lamm Gottes, das geopfert wurde zu Erlösung und Vergebung der Sünden, und auch nicht Gottes eingeborener oder einziger Sohn.
Jesus war ein ganz normaler Mensch, der sich selbst vollständig erkannt hat in seiner Großartigkeit, Lichthaftigkeit und Göttlichkeit, und der allen Menschen zeigen wollte, dass jeder Mensch großartig, lichthaft und göttlich ist. Ein Mensch, der verstanden hat, dass das Reich Gottes “inwendig in euch ist” und “ausgebreitet über die Erde”.
Nur 5-10% der Worte des Jesus aus dem neuen Testament stammen tatsächlich von Jesus, behauptet der Göttinger Theologe Gerd Lüdemann. Alle anderen Passagen sind aus anderen Motiven Jesus in den Mund gelegt worden. Z.B. von den frühen jüdischen Christen wie den Evangelisten Lukas und Matthäus, die Jesus für den jüdischen Messias hielten, den König der Juden, auf den das jüdische Volk seit Äonen wartet. So mussten die jüdischen Prophezeiungen des Micha und Jesaja, dass der König der Juden ein Sohn des Stammvaters David sein würde, der in der Stadt Davids Bethlehem geboren würde, auf Jesus angepasst werden. Jesus von Nazareth musste also, wenn er denn der Messias war, irgendwie in Bethlehem geboren werden, weil es das alte Testament so sagt. So wurde im Lukas-Evangelium eine Volkszählung des Kaisers Augustus erfunden, weshalb Maria und Josef vor der Geburt des Jesus nach Bethlehem reisen mussten, da Josef angeblich aus dieser Stadt stammte. In Wirklichkeit ist über die Geburt von Jesus nichts bekannt.

In den Briefen des Paulus und im Johannes-Evangelium finden wir die Theorie, dass Jesus “für unsere Sünden gestorben ist” (1. Kor. 15,3) – von Gott selbst geschickt. Wer das glaubt, ist nach Paulus und Johannes gerettet und wird nach dem Tod in den Himmel und nicht in die Hölle kommen. Die historische Jesusforschung geht hingegen davon aus, dass nichts davon auf Jesus zurückgeht, sondern dass dies eine eigene Lehre des Paulus ist.

Was sicher ist, ist dass Jesus ein Mensch war, der die bedingungslose Liebe zu Gott und allen Menschen gelehrt hat. Aber auch das ist noch nicht das eigentliche Evangelium (wörtlich: die gute Botschaft). Die gute Botschaft ist die vom Reich Gottes. Und hier lehrte Jesus sehr wahrscheinlich eine neue Sicht der Dinge, die sich von den alten Schriften der Juden deutlich unterscheidet. Denn während in den Texten des Alten Testaments von einem Königreich die Rede ist, in welchem der Messias als König der Juden das Jüdische Volk wieder vereinigen wird, eine gerechte Ordnung wiederherstellen wird, das Reich Gottes also in der Zukunft erwartet wird, spricht Jesus von einem Reich Gottes, was hier und jetzt schon gegenwärtig ist.

Was das Reich Gottes ist, wird in einigen Evangelien deutlich:

Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt oben auf einem Berg wird von weither schon gesehen. Wenn man eine Kerze anzündet, dann versteckt man sie nicht, sondern stellt sie auf einen Kerzenständer, damit sie jeder sehen kann. Deswegen lasst euer Licht leuchten, so dass es jeder sieht. (Rede auf dem Berg nach Matthäus 5, 13ff)

Wenn dein Auge rein ist, wird dein ganzer Leib Licht sein.

Da er aber gefragt war von den Pharisäern: Wann kommt das Reich Gottes? antwortete er ihnen: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: Siehe hier oder siehe dort! Denn seht, das Reich Gottes ist inwendig in euch. Lukas17,20f.
Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Johannes 3,1-8
Noch deutlicher wird es im apokryphem Thomas-Evangelium:

Er sagte zu ihnen: “Wer Ohren hat, möge hören. Es ist Licht im Inneren eines Lichtmenschen, und er erleuchtet die ganze Welt. Wenn er nicht leuchtet, ist Finsternis.“ Thomas Evangelium.

Jesus sagte: ” Der Suchende soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet. Und wenn er findet, wird er in Erschütterung geraten; und (wenn) er erschüttert ist, wird er in Verwunderung geraten, und er wird König über das All werden.” Thomas-Evangelium

Jesus sagte: “Wenn jene, die euch (ver)führen, zu euch sagen: ,Siehe, das Königreich ist im Himmel`, (so) werden euch die Vögel des Himmels zuvorkommen. Sagen sie zu euch: ,Es ist im Meer`, (so) werden euch die Fische zuvorkommen. Aber das Königreich ist innerhalb von euch und außerhalb von euch. Wenn ihr euch erkennt, dann werdet ihr erkannt werden; und ihr werdet wissen, dass ihr die Söhne des lebendigen Vaters seid. Wenn ihr euch aber nicht erkennt, seid ihr in Armut, und ihr seid die Armut.“ Thomas Ev. 3

Die Erkenntnis vom Reich Gottes ist ein Akt der Selbsterkenntnis im gegenwärtigen Moment. Es ist die Erkenntnis von sich selbst als ein lichthaftes göttliches Wesen, das seine eigene Einheit mit der Welt und dem Göttlichen in jedem Moment erleben kann.

Wir brauchen Weihnachten! Aber wozu genau? Um uns an einen Menschen zu erinnern, der voll und ganz verstanden hat, wer und was er ist und wer und was der Mensch ist: Ein göttliches Wesen. Mit einem inneren Potenzial von reinem Licht und reiner Liebe, die mit allem in Verbindung ist, was existiert. Es ist möglich, in diesem Bewusstsein ein göttliches Leben voller Freude und Verbundenheit zu führen. In diesem Sinne können wir Weihnachten auch als die Geburt dieses göttlichen Lichts in uns feiern, so wie es die mittelalterlichen Mystiker Angelus Silesius und Meister Eckart vorschlagen:

„Wär´ Christus tausendmal
zu Bethlehem geboren,
doch nicht in dir: du bliebst
noch ewiglich verloren.“
Angelus Silesius

Wir feiern Weihnachten, auf dass diese Geburt auch in uns Menschen geschieht.
Wenn sie aber nicht in mir geschieht, was hilft sie mir dann?
Gerade, dass sie auch in mir geschehe, darin liegt alles.
Meister Eckhart

 

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