Der Advent – ein leuchtendes Missverständnis

Der Advent – ein leuchtendes Missverständnis

 

Alle Kinder freuen sich auf die Adventszeit, auf die Lichter des Adventskranzes und noch mehr auf den Adventskalender und die tägliche Überraschung. Auch unsere Tochter geht jeden Morgan als allererstes an den Adventskalender und zum Frühstück leuchtet das Licht der ersten Kerze. Was für ein herrliches Ritual.

Dennoch steckt ein Missverständnis dahinter. Das Wort Advent stammt vom Lateinischen Adveniat, was bedeutet: er/sie/es möge kommen.

Was möge kommen? Das Reich Gottes. Dieses möge kommen entsprechend dem Wort im Vater-Unser-Gebet: „dein Reich komme“ – Zur Zeit Jesu war das die Hoffnung des jüdischen Volkes auf einen Befreier, der das Volk aus der Knechtschaft der römischen Unterdrücker rettet. Die Zeitgenossen des Jesus hatten diese Hoffnung auf diesen Befreier und projizierten sie auf Jesus. Sie sahen in ihm den Messias, den Erlöser des jüdischen Volkes.

Jesus wurde in der Nachfolge des Apostels Paulus nicht nur zum Retter des jüdischen Volkes, sondern zum Befreier aller Menschen der gesamten Erde deklariert.

Außerdem wird Jesus schon in der frühen katholischen Kirche als Inkarnation Gottes gefeiert. Mit Weihnachten kommt also das Reich Gottes selbst auf die Erde. Soweit so gut.

Das Problem ist folgendes: Jesus selbst sah die Hoffnung auf das Reich Gottes in der Zukunft als ein Missverständnis an.

Im Lukas-Evangelium erklärt Jesus den Pharisäern:
Da er aber gefragt ward von den Pharisäern: Wann kommt das Reich Gottes? antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: Siehe hier! oder: da ist es! Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.…(Lukas 17, 20-21)

Offensichtlich sieht Jesus das Reich Gottes als etwas an, was niemals in der Zukunft erst kommen kann, sondern was hier und jetzt schon da ist. Und zwar im Innern des Menschen (inwendig in euch).

Aber nicht nur da, sondern überall:

Im apokryphen Thomas-Evangelium finden wir die entscheidende Textstelle:

Seine Schüler sagten zu ihm: “Das Königreich, an welchem Tag wird es kommen?” . Jesus sagte: “Es wird nicht kommen, wenn man Ausschau nach ihm hält. Man wird nicht sagen: ,Siehe hier oder siehe dort`, sondern das Königreich des Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.” (Thomas 113)

Das Reich Gottes ist also nicht nur jetzt schon da, sondern es ist jetzt überall schon da, allerdings unsichtbar. Das Reich Gottes ist das, was die Yogis Brahman nennen. Die eine Wirklichkeit des Lebens, die alles mit allem verbindet und die im Menschen zu suchen ist.

Für Jesus ist das so klar, dass er sogar die die Ansicht, das Reich Gottes sei irgendetwas, das irgendwann in der Zukunft kommen könnte, oder auf das man zeigen könnte, als wäre es etwas in Raum und Zeit, verspottet:

Jesus sagte: “Wenn jene, die euch (ver)führen, zu euch sagen: ,Siehe, das Königreich ist im Himmel`, (so) werden euch die Vögel des Himmels zuvorkommen. Sagen sie zu euch: ,Es ist im Meer`, (so) werden euch die Fische zuvorkommen. Aber das Königreich ist innerhalb von euch und außerhalb von euch. Wenn ihr euch erkennt, dann werdet ihr erkannt werden; und ihr werdet wissen, dass ihr die Kinder des lebendigen Vaters seid…” (Thomas 3).

Das Licht des Adventskalenders erinnert uns an das Reich Gottes. Insofern ist es ein wunderschönes Ritual. Denn das Reich Gottes ist nichts anderes als das innere Licht im Menschen, wovon Jesus in der Bergpredigt spricht, wenn er sagt: Lasst euer Licht leuchten, sodass es jeder sieht.

Aber es ist eben immer da! Nicht nur im Advent, nicht nur an Weihnachten, nicht nur durch Jesus, sondern immer und überall, unabhängig von dem Menschen Jesus. Der war einfach ein Versteher und Erkenner des Reiches Gottes.

Der Adventskranz kann uns dennoch an das erinnern, was wir wirklich sind: Licht, nichts als Licht. Dieses Licht kann in unserer Erfahrung allerdings größer und größer und klarer und klarer werden. Und insofern passt doch auch wieder alles mit dem Adventskranz zusammen.IWir wünschen dir eine lichtvolle Adventszeit und eine kraftvolle Weihnachtszeit. Und wir wünschen dir, dass dein inneres so stark und hell leuchtet, dass es dich durch die Herausforderungen unserer Zeit nicht nur hindurchbringt, sondern dich noch stärker und lebendiger macht.

Foto: yanik88_AdobeStock 

 

2 Kommentare

  1. Gabriele Spital

    Wie wunderbar, Florian! Ich werde wieder zum Kind und darf schon wieder eine Geschichte lesen!
    Vielen, vielen Dank

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  2. Henrik

    Vielen Dank für die schöne und besinnliche Darstellung und Die guten Wünsche. Auch euch eine Tolle, lichtvolle und bereichernde Weihnachtszeit! ????

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